Ratgeber & IT-Sicherheit

Phishing: 9 von 10 Cyberangriffe beginnen mit einer E-Mail

Markus Kopka · · 7 Min. Lesezeit · Ratgeber Phishing

Es ist ein ganz normaler Dienstagvormittag. Eine E-Mail von der Sparkasse: „Ungewöhnliche Kontoaktivität festgestellt — bitte bestätigen Sie Ihre Zugangsdaten." Die E-Mail sieht aus wie immer. Logo, Schriftart, Fußzeile — alles stimmt. Ihre Mitarbeiterin klickt auf den Link und gibt ihr Passwort ein.

Sekunden später haben Kriminelle Zugriff auf Ihr E-Mail-Postfach, Ihre Kontakte — und alles, was dahinterliegt. Das war keine Sparkassen-E-Mail.

Laut BSI-Lagebericht 2024 beginnen über 90 Prozent aller erfolgreichen Cyberangriffe auf Unternehmen mit einer Phishing-E-Mail. Kein Softwarefehler, keine Zero-Day-Lücke — ein Klick reicht.

⚠ WICHTIG

Phishing ist keine Frage der Dummheit — es ist eine Frage der Täuschung. Moderne Angriffe sind so präzise auf Ihre Organisation zugeschnitten, dass selbst IT-erfahrene Mitarbeiter darauf hereinfallen. Technischer Schutz allein reicht nicht.

Was ist Phishing — und wie hat es sich verändert?

Phishing bezeichnet den Versuch, durch gefälschte E-Mails, Webseiten oder Nachrichten vertrauliche Daten zu stehlen oder Schadsoftware zu installieren. Der Begriff leitet sich vom englischen „fishing" ab — die Angreifer werfen einen Köder aus und warten, bis jemand anbeißt.

Was vor zehn Jahren noch leicht erkennbar war (schlechtes Deutsch, generische Anrede, verdächtige Links), ist heute hochgradig professionalisiert:

Angriffstyp Ziel Gefährdung
Massen-Phishing Beliebige Empfänger, Zugangsdaten stehlen Mittel
Spear-Phishing Gezielt auf Person/Unternehmen, täuschend echt Sehr hoch
CEO-Fraud / BEC Mitarbeiter zur Überweisung verleiten Existenzbedrohend
Smishing Phishing per SMS (Paketbenachrichtigungen etc.) Mittel
Vishing Phishing per Telefon (Bankmitarbeiter etc.) Hoch

Besonders gefährlich ist Spear-Phishing: Angreifer recherchieren vorab auf LinkedIn, der Website und in sozialen Netzwerken. Die E-Mail kennt Ihren Namen, Ihre Rolle, Ihren Vorgesetzten und verweist auf aktuelle Projekte. Der Absendername ist identisch mit dem Ihres Steuerberaters. Nur die E-Mail-Adresse weicht um einen einzigen Buchstaben ab — und wer prüft das schon?

Woran erkennen Sie eine Phishing-Mail?

Auch wenn moderne Angriffe immer schwerer zu entlarven sind — es gibt Muster, die zuverlässig auf Phishing hindeuten. Schulen Sie sich und Ihre Mitarbeiter auf diese Warnsignale:

CEO-Fraud: Wenn der Chef Geld überweisen lässt

Business E-Mail Compromise (BEC) ist die kostspieligste Phishing-Variante. Das FBI schätzt den weltweiten Schaden auf über 50 Milliarden US-Dollar allein in den letzten zehn Jahren — und Deutschland ist eines der Hauptziele in Europa.

Das Prinzip: Angreifer geben sich als Geschäftsführer, Partner oder Lieferant aus und veranlassen Mitarbeiter zu einer dringenden Überweisung. Meist kurz vor Feierabend, kurz vor einem Wochenende — wenn niemand mehr nachfragen kann.

💡 PRAXISBEISPIEL

Eine Rechtsanwaltskanzlei erhält eine E-Mail vom „Mandanten": Eine Immobilientransaktion stehe kurz vor dem Abschluss, das Geld müsse noch heute auf ein neues Treuhandkonto überwiesen werden. Die E-Mail-Adresse weicht nur um einen Buchstaben ab. Der zuständige Sachbearbeiter überweist 240.000 €. Das Geld ist binnen Stunden auf Konten in Drittländern verschwunden.

Schutz: Etablieren Sie ein Vier-Augen-Prinzip für Überweisungen ab einem definierten Betrag. Wichtig: Bestätigungen niemals per E-Mail einholen — immer telefonisch, auf einer bekannten, selbst herausgesuchten Nummer.

Technische Schutzmaßnahmen — und ihre Grenzen

Moderne E-Mail-Sicherheitstechnologien können viele Phishing-Mails abfangen, bevor sie den Posteingang erreichen. Sie sollten in jeder Organisation aktiv sein:

Maßnahme Was sie tut Schützt vor
SPF / DKIM / DMARC E-Mail-Authentifizierung für Ihre Domain Domain-Spoofing (jemand sendet als Sie)
Spam-Filter (KI-basiert) Erkennt Muster bekannter Phishing-Kampagnen Massen-Phishing, bekannte Varianten
Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) Konto bleibt gesperrt, selbst wenn Passwort gestohlen Credential-Theft (gestohlene Passwörter)
Link-Sandboxing Prüft Links auf schädliche Ziele vor dem Öffnen Viele — aber nicht alle — schädlichen Links
Mitarbeiterschulung Menschen lernen, Phishing zu erkennen Spear-Phishing, CEO-Fraud, neuartige Angriffe

Das entscheidende Problem: MFA schützt das Konto, aber nicht das Geld. Wenn ein Mitarbeiter durch CEO-Fraud eine Überweisung auslöst, greift keine technische Maßnahme mehr. Und selbst mit MFA kann ein Angreifer, der Zugang zu einem E-Mail-Konto erlangt, Monate lang im Verborgenen Kommunikation mitlesen, Transaktionen umleiten und Vertrauen aufbauen — bis er zuschlägt.

Was tun, wenn jemand auf eine Phishing-Mail hereingefallen ist?

Schnelles Handeln begrenzt den Schaden. Die ersten Minuten sind entscheidend.

Was Cyberversicherung bei Phishing leistet

Phishing ist kein Randproblem — es ist der häufigste Einstiegsweg für schwere Cyberangriffe. Eine spezialisierte Cyberversicherung deckt die Folgeschäden ab, die technische Maßnahmen nicht verhindern konnten:

Schadensszenario Ohne Versicherung Mit Cyberversicherung
Ransomware via Phishing-Link IT-Forensik + Wiederherstellung: 20.000–60.000 € Gedeckt inkl. Forensiker-Koordination
Gestohlene Zugangsdaten Datenverlust, Missbrauch, Behördenbuße Forensik + DSGVO-Beratung gedeckt
CEO-Fraud / Überweisung Vermögensschaden oft unrettbar Teilweise gedeckt (je nach Police)
Betriebsunterbrechung Umsatzausfall über Wochen Betriebsunterbrechungsschaden gedeckt
Reputationsschaden Krisenkommunikation selbst organisieren PR-Krisenmanagement inkludiert

Ein wichtiger Hinweis zur CEO-Fraud-Abdeckung: Nicht jede Cyberversicherung deckt den direkten Vermögensschaden durch Überweisungsbetrug ab. Manche Policen schließen das explizit aus oder begrenzen die Summe stark. Genau hier lohnt sich ein unabhängiger Vergleich — bevor der Schaden eintritt.

✓ FAZIT

Phishing lässt sich nicht vollständig verhindern — aber der Schaden lässt sich begrenzen. Technische Maßnahmen (MFA, SPF/DKIM/DMARC) reduzieren das Risiko. Mitarbeiterschulungen erhöhen die Erkennungsrate. Und eine spezialisierte Cyberversicherung sorgt dafür, dass ein erfolgreicher Angriff kein existenzielles Ereignis wird.

MK
Markus Kopka
Versicherungsmakler (§34d GewO) · Cyberversicherung-Spezialist
Markus Kopka berät seit über 10 Jahren Arztpraxen, Kanzleien und KMU zu Cyberversicherungen. Als produktneutraler Makler vergleicht er Tarife von über 40 Versicherern — unabhängig und kostenlos.

Häufige Fragen zu Phishing

Woran erkenne ich eine Phishing-E-Mail zuverlässig?

Typische Merkmale: künstliche Dringlichkeit, leicht abweichende Absenderadressen, Links die nicht zur genannten Domain führen, Anfragen nach Passwörtern oder Zahlungen. Modernes Spear-Phishing ist jedoch oft täuschend echt. Im Zweifel: den Absender telefonisch auf einer bekannten Nummer kontaktieren — niemals per Antwort-E-Mail.

Was tun, wenn ich auf eine Phishing-Mail hereingefallen bin?

Sofort: Gerät vom Netzwerk trennen (LAN-Kabel, WLAN aus), IT informieren, betroffene Passwörter über ein sicheres Gerät ändern, Bank kontaktieren falls Zugangsdaten für Finanzsysteme betroffen sind. Falls eine Cyberversicherung besteht: Notfall-Hotline anrufen — die koordiniert alle weiteren Schritte und übernimmt die Kosten.

Zahlt die Cyberversicherung bei einem Phishing-Schaden?

Ja, wenn die Police entsprechende Klauseln enthält. Abgedeckt sind typischerweise: IT-Forensik, Systemwiederherstellung, Betriebsunterbrechungsschaden und DSGVO-Rechtsbeistand. Bei CEO-Fraud und direktem Vermögensschaden durch Überweisungsbetrug kommt es stark auf die individuelle Police an — nicht jeder Tarif deckt das ab. Ein unabhängiger Vergleich lohnt sich.

Reicht Multi-Faktor-Authentifizierung als Schutz vor Phishing?

MFA ist unverzichtbar und schützt sehr effektiv vor Credential-Theft — also davor, dass ein gestohlenes Passwort allein zum Kontenzugang reicht. MFA schützt jedoch nicht vor CEO-Fraud (Überweisungsbetrug), vor dem versehentlichen Download von Schadsoftware oder vor dem Abfluss von Daten, die im Browser geöffnet waren. MFA ist eine Schicht von mehreren — kein Allheilmittel.